DIE STÄRKE UND SCHÖNHEIT DES EPHEMEREN

 

 

 

Als Letztes redeten wir über erworbene Unwertgefühle im Leben, das war der etwas schwermütige Ausklang des ohnehin schwierigen Abends zu zweit; richtig war es, weil es stattfand? Eher nicht.

Auf meinem derzeitigem Lieblingsgefährt fuhr ich die paar Straßen wieder nach Hause, jeden Straßenzug ein leichteres Herz. Erleben ist ja Leben in quality time, das wissen die wenigsten. Dann, wenn alles intensiv und inspirierend in Dialog geht zu einem Selbst. Leicht und magisch am Besten, doch wenn's anliegt, auch in anderen Frequenzen.

Das Dunkle der noch jungen Nacht nahm die, das Unglückliche zu sich und von mir weg, danke sehr, und ich glitt immer unbeschwerter der wahren Ordnung entgegen. Kurz vor meiner Haustür, rechts in dem großen Industriegebäude war noch Licht, genau im Eckfenster eines Büros, leicht erhöht, im zweiten Stock: Eine Gestalt bewegt sich darin vor und zurück, leicht rhythmisch, in auf den ersten Blick unersichtlicher Dynamik. Ich hielt an, um zu schauen:

Wie bei Bach, dessen unbestechliche Verbundenheit mit dem von ihm erkannten Ordnungsgefüge die Schönheit der Melodie betont, war dieser Bewegung eine eigene Schwingung im Raum zu Eigen, die einem Tanz glich und doch nicht Tanz war. Vor - ins Offene des Fensters, ins Licht - und zurück ins Dunkle, hinter die trennende Fassade, gehend, schreitend, bewegend, bewegt, sich ihrer Wirksamkeit unbewusst, und doch ausstrahlend und allein von mir gesehen.

Wie auf einer entfernten Bühne und Teil einer eigenartigen Choreografie vorwärts sich zum rechts gelegenen Rauminnern hin schiebend - Fensterstück für Fensterstück – lenkte die Gestalt meinen Blick auf den dort prangenden riesigen, grau-blinden Bildschirm, wohl für vorgesehene Vorträge dort fest installiert.

Exakt parallel zu meiner innehaltenden, wahrnehmenden Bewegung erschien ein gleissender Lichkegel in dem grauen Geviert und entfaltete um sich einen nicht minder lichtvollen Strahlenkranz, in allen Regenbogenfarben sich auffächernd, leicht und vollendet schön entstand er neben der sich bewegenden Gestalt, die wohl den Raum reinigte.

Gebannt verfolgte ich die kleine Szene, mitten auf der leeren Kreuzung, stieg vom Fahrrad und wollte alles umarmen und halten. Wenn wir nicht umarmen können, fotgrafieren wir und das wollte ich Kulturkind auch machen und eilte ein wenig umher, um den besten Winkel festzustellen und das Licht zu überprüfen, dann kam ein Auto, ich musste beiseite gehen, dann mich wieder positionieren und dann – so leicht wie das Ereignis mir vor Augen kam – ging das Licht aus in dem Raum, genau in diesem Augenblick. Versunken in Dunkelheit war die Szene, die Gestalt, die Bewegung, der Screen, der Regenbogen, alles. Übrig blieb einfach ein raumloses, schwarzes Fensterloch, als Teil der Fassade, blank.

Etwas perplex stand ich vor dem vergangenen Ereignis und der zarten Schönheit des Mini-Films, den ich gerade gesehen hatte. Nun gut, sei es vergangen, erlaubte ich wohlwollend dem Geschehen, sich von nun an als liebenswürdige Erinnerung in meinem Bewusstsein einzurichten... Willkommen.