DIE KÖNIGIN

 

 

Neulich war ich aus, aus mit einem guten Freund. Ein Filmemacher, er, Professor auch und einer der witzigsten Menschen, die ich kenne. Zudem sehr sensibel, das zeigt er nicht immer gerne, aber so ist er und das ist wunderbar.

In unserer Stadt gibt es viel Grün, einer der kurortigsten Hipster-Metropolen der Welt, ist man versucht zu sagen und es gibt einiges, das diese Behauptung rechtfertigt. Ein Grüngürtel liegt mittenmang zwischen Ost und West und darin wiederum zwei schöne Gastro-Etablissements im Freien, beide mit äußerst gehobenem Campingplatz-Charme galore und da waren wir, in dem einen von ihnen. Den nämlich mag ich noch lieber, er erinnert mich mit seinem George-Braque-Wasser-See, wunderbarer Kastanien- und weiterer tiefgrünster Bebaumung, seinen vielen murmelnden Menschen - ja, in seiner ganzen, quirligen Volkstümlichkeit - in so vielerlei Hinsicht an den französischen Impressionismus und dessen Bilder.

Ich mochte „den Impressionismus“ schon immer und kann erst heute so recht benennen, warum; wie so oft schreitet die Zuneigung der Erkenntnis voraus und am Ende erschließt sich so einiges, zur eigenen Freude. Will sagen, die Zuneigung ist die ahnungsvolle Vorreiterin der fruchtbaren Forschung und das ist die Wahrheit und führt dann auch wieder zur Wahrheit.

Was ich also schon immer mochte, war der „pleine-air-Aspekt“ der impressionistischen Malerei. Das 'Rausgehen, die Berührung, die Luftströme, das Lichtflirren, dessen Abwesenheit, das Spüren, das Sinnen, die Sinnlichkeit und deren Apotheose. Die große Verbundenheit mit der Natur. Das Gewahrwerden, die Betörung, das Beobachten, das Versinken, das Hellwache darin, die Herzweitung. Die Wahrnehmung, das Genaue, das Liebevolle. Der Versuch des Einfangens, das Freundschaftsangebot an die Zeit und ihre Phänomene, die Freude an der Veränderung – an den Lebensfluss als solchen. Ja, die HINGABE AN DEN AUGENBLICK UND SEINE PHÄNOMENE fand in der Malerei wohl selten so offensichtlich statt wie erstmalig in dieser Bewegung des vorletzten Jahrhunderts.

Die Sujets waren angebunden an das damalige Bildverständnis: Ein Verständnis, dass die Detailwucht der Fotografie noch nicht wie in dem heutigen Umfang kannte und „das große Einverleiben“ der Abbildung noch im Schilde führte.

Und auch ein sanftes Politikum statuierte: Der öffentliche Raum, insbesondere die Natur, ist für alle da. Der Luxus der Zerstreuung und Entspannung, des seelischen Zusichkommens – es findet in den Armen der Natur statt und ist frei zugänglich. Und so verlustieren sich die Menschen in Parks und an Flussufern, tanzen, wiegen und déjeunieren unter Bäumen oder fühlen sich vor den Bildern einer transformierten Lichtnatur dazu eingeladen.

Und da saßen wir also unter zwei wunderschönen, riesigen Kastanien, nicht unweit der spanischen Botschaft, die ich mal vor Jahren überbrachte - und besuchte. Viel zu besprechen hatten wir, zu lachen noch mehr, wie immer kamen sie aus dem Nichts geritten, die Themen, und führten uns in alle mögliche Richtungen.

Er müsse jetzt mal, sagte mein Freund, die Toilette aufsuchen, und schlug umsichtig vor, dass ich die Gesprächspause dazu nutzte, neue Getränke an den Tisch zu balancieren, oder an einen neuen? Näher am Wasser? Und so machten wir es. Aufgekratzt scherzte ich mit dem Personal des Getränkeausschanks, hatte Lust zu tanzen, so schön war der Abend und ab mit den Getränken an unseren neuen Tisch.

Das war unglaublich, sagte mein Freund. Du ahnst nicht, was ich gerade erlebt habe.

Aha? Was??

Ja, da war diese Toilettenfrau. So etwas habe ich noch nie gesehen, oder besser: so jemand. Sie war so special! Ihre Ausstrahlung! Das hat auf alle gewirkt. Menschen drängten ihr geradezu Trinkgeld auf... Ein Pärchen kam mir entgegen und sie fragte ihn: Hast du ihr wirklich gerade 20 Euro gegeben?? Und er bestätigte das... völlig crazy! Und alle waren so freigiebig in ihrer Nähe! Er konnte gar nicht aufhören, diese Dame und ihre Wirkung zu beschreiben, als Filmemacher hat er ein feines Gespür für Menschen und Stimmungen.

Das war so interessant und eindringlich, dass ich nicht nur selbst diese lady auch baldigst sehen wollte, sondern - vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben - dem Gang zur Toilette eine gewisse Faszination vorauseilte.

Eine festliche Dunkelheit senkte sich allmählich über unseren Platz, mit funkelnden Lampions und lebhaftem Schwatzen, und wir waren ein Teil davon, avec plaisir.

Und als der Abend seinen Abschluss fand und wir aufbrechen wollten, war es soweit: Ich geh' jetzt die lady gucken, rief ich vergnügt, woraufhin der Freund meinte, er käme nochmal mit.

Beschwingt näherten wir uns der kleinen sanitären Gebäudeanlage, deren Eingang stilvoll vom Gastplatz abgewandt war. Mit ihren römisch anmutenden Zeltdächern verlieh sie dem offenen Platz am See einen Flair von Solidität und durchdachter Gastlichkeit.

In dieses Ambiente wob sich herannahend immer hörbarer die Melodie eines lovesongs, ein bisschen schepprig, wie aus einem Kassettenrecorder, doch bester soul. Um die Ecke gebogen blieb der Freund abwartend stehen und mir bot sich dann ein ganz erstaunliches Bild: Der kleine Vorplatz der Toiletteneingänge selbst war partyhaft erleuchtet, auf einem weißen Tisch standen üppige Blumenbouquets und es ertönte ein CD player mit eben diesem gefühlvollen Lied, den Raum angenehm einnehmend. Und mittendrin stand sie.

Eine zierliche, kleine Person mit wilden, dunkelblonden Locken, einem schwarzen Jackett mit aufgekrempelten Ärmeln, aus denen ein Nadelstreifenmuster hervorlugte, einer eleganten, schwarzen, nicht zum Jackett passenden Hose und Birkenstocks. Eine Tänzerinnen Figur. Ihre Gesichtszüge schienen dem Balkan verwandt, eine Nähe zu Norditalien huschte durch ihre Erscheinung, ein Modell von Botticelli oder Tizian hätte sie sein können mit ihrem langen, eindrucksvollen Haar und den feinherben Gesichtszügen.

Sie stand da wie ein kleiner Baum, unverrückbar in ihre Beratung eingelassen mit einem Paar, das vor dem Zigarettenautomaten stand und offensichtlich dieses Genussgift für sich erstehen wollte. Ihre Augen hielten den Blick der Gegenübers mühelos auf Kurs.

Ihre Haltung enthielt eine heilige Distanz zum Außen und doch war sie ganz präsent. Sie war weder servil, noch abweisend, sie wandte sich zu - voller Elan und Gegenwart. Sie war Gastgeberin und keine Dienstleisterin, sie war SCHÖN DURCH ANWESENHEIT. Dies da war ihr Raum, ihre Musik, ihre party. Intensiv, und mit einer selten gesehenen Würde erklärte sie die Basisvorgänge des Zigarettenziehens mit Altersfreigabe, während davor ein weiteres Pärchen auf Audienz wartete.

Als sie sich diesem mit derselben Gelassenheit zuwandte, galt die erste Frage der Verständigung, ob sie spanisch spräche, war das Ersuchen auf englisch.

„No – but I like it!“ war ihre anmutige Antwort.

Spätestens da wurde mir klar: Hier stand eine Königin.

Eine veritable Königin mit einer mächtigen Botschaft für alle, die sie erkennen konnten: ICH BIN.

Das war überwältigend und erfüllte mich mit großer Freude.

'Ich bin die, die ich bin, aus vollem Herzen' ist die Essenz der Würde. Ich hinterfrage mich nicht, auch nicht das, was ich tue. Ich fühle meine Beweggründe, sie sind für mich stimmig. Ich erfülle mit meiner unverzichtbaren und nur mir eigenen Energie den Raum um mich herum und dieser wird zum einzigartigen Raum – auch eine Toilette.

Ich bin da, so wie jede*r da ist. Alle sind in ihrem Sosein eine unverwechselbare Erscheinung in der Welt. Es gibt diese König*innen-Energie überall, man muss nur hinsehen, doch so selbstverständlich können sie längst nicht alle leben. Schon gar nicht diejenigen, die sie so oft für sich in Anspruch nehmen. Da kommt die Haben-oder-Sein Qualität ins Spiel: Man ist nicht etwas, nur weil man es so haben möchte. Im Gegenteil widerstrebt das Streben dem erstrebten Zustand selbst. Das Sosein ist einfacher, unkomplizierter – und um alles wirkmächtiger. Es hat etwas mit Hingabe zu tun. Sich hinzugeben an sich selbst, an die höchsteigene, energetische Signatur. Eine, die niemand so leicht beschreiben könnte wahrscheinlich.

Diese seelische Königswürde sieht sich nicht selbst zu, ist aber sofort spürbar: Bei demjenigen gutmütigen Busfahrer, bei derjenigen erstaunlichen Kassiererin, bei dem außergewöhnlichen Bankberater... an allen möglichen Orten und eben hier, bei ihr, der Königin, an diesem markanten Ort.

Das war pure Magie die mich berührte und begeisterte, sie krönte diesen magisch-schönen Abend. Ich feiere sie noch bis jetzt, so wie sie mir den ganzen Heimweg auf dem Rad ein Lächeln ins Gesicht zauberte, ohne Unterlass.

Ja, eine Königin, bestätigte der Freund auf dem Rückweg, das ist sie, du hast Recht. In anhaltender Begeisterung tauschten wir uns noch über das Erlebte aus, unsere Räder aufschließend und aufbrechend, verabschiedeten uns an der nächsten Kreuzung und fuhren erfüllt heim.