DER INSTAGRAM MOND

 

 

 

Das Licht des Mondes erhellt den Schatten. So weit, so schmerzhaft, bis es dann gut ist. Das letzte Mal, als die Mondin mich erinnerte, war auf einer abendlichen Fahrt, auf der ich kein Memorierungsgerät dabei hatte – eigentlich war es nicht auf, sondern mitten in einer Reise zum Supermarkt, es war Herbst und ich musste einfach selbst mit dem gucken zurecht kommen.

Wie um mich an das Wesen der Zwiespältigkeit zu erinnern, war der Supermarkt geschlossen, es wurde Einheit gefeiert, oder begangen, wie ich aber erst am nächsten Tag erfuhr. So stand ich vor dem viel zu dunklen Geschäft und beschloss, Gründe zu finden und zurück den Weg über die erleuchtete Brücke zu nehmen.

Ich war hinwegs so mit fahren beschäftigt, dass der Raum sich verengte zu einer vergnüglichen Röhre in der ich zu meinem Ziel glitt – nur um mich zu enttäuschen und etwas von Spiegelung, Licht und Essenz zu murmeln. Wer täuscht denn jetzt, fragte ich verärgert, der Weg oder das Ziel. Keine Antwort, sagten beide wie aus einem Mund, wir nennen das unisono.

Na gut, leicht verstimmt und verzagt fand ich mich ab, seufzte und schwang mich wieder in den Sattel. Ich machte kehrt. Ich kehrte um. Kehrtwende. Gut, also kehren und Rückkehr, mhm, Reinigung als Reise oder was. Notiz an Selbst: Herkunft herleiten, des Wortes und überhaupt.

Ich fuhr ein wenig. Ein wenig weiter, gelöster. Die Freude kehrte zurück, zaghaft. Ach, ist doch ok. Schönes Licht hier! Seltsam, so hell… und unbekannt. Sind das die Laternen? Dahinten geht’s leicht bergauf, da führen die Lichter hin, ist da noch was? Am Horizont? Ich ließ den Blick schweifen und.

Da war er. Unfassbar. Ich wär‘ fast vom Rad gefallen. Knapp über der skyline war ein riesiger, orangener Mond, er schwebte massiv einfach vor sich hin und war mir deutlich zugewandt. Er hielt die Ähnlichkeit zum Laternenlicht in sich, nur um es als Maßgabe weit von sich zu weisen. ICH BIN HIER und so viel mehr, sagte er, ganz leicht, ein liebes Flüstern, das sieht man doch.

Mir stand der Mund offen. Ich spürte das Wunder mitten im Gesicht, ich hielt an, weil die Mondin sich in mir ausbreitete und ich das nicht mehr mit dem Fahren vereinbaren konnte. Ich kam zu stehen, um zu empfangen. Ich nahm ihre Schönheit auf in einem Moment der Ewigkeit, die bis hierher reicht und für immer alles verändern sollte – und auch wollte, wie ich später erfuhr. Aber das Wollen, das ist immer Einladung im Kosmos. Eine liebe und überaus anmutige Einladung. So, wie es eben sein sollte im Leben.

Wow. JETZT. Nicht immer sind Momente, ist das Jetzt so prachtvoll, so erfüllend, so schön, so betörend. Doch dieser war es. Voll umfänglich. Wie die der Mond…. der liebende Mond guckt zu.

Mitten in meinem Entzücken griff ich leicht unruhig in die Tasche, ich wolte das festhalten, unbedingt. Ein Foto, ein Foto her hier, damit ich das behalten konnte, was ich erlebte. Ich will mir das schneebedeckte Feld aneignen, wie Simone vom schönen Sehen einst auf französisch sagte. Und teilen! Auf Instagram, dahinein teilen am liebsten, in diesen Raum. Doch nix. Ich hatte doch kein smartphone dabei, hatte ich doch zu Hause gelassen, ach ja, Mensch.

Da wusste ich, dass ich das aufschreiben muss, damit ich das festhalten kann und auch wenn – oder sogar weil – es länger dauert, ist doch dieses neue durchleben mit immer neuen Perspektiven und Gefühlen – beim schreiben und beim lesen – eigentlich eine wunderbare Konkurrenz zum Instagram Mond, der er sonst geworden wäre. Fast schon eine Parallelnatur, die Kunst.