Wolfgang Türk

 
Zur Ausstellungseröffnung "point of view", Foyer der städt. Bühnen Münster, 2002

Der Kunst des Portrbild1ätierens, jener mimetischen Abschilderung eines Gegenübers im Medium von Zeichnung und Malerei, wohnt immer ein Moment wachsender Vertraulichkeit, ja behutsamer Intimität inne: Mit jedem Strich schwindet ein Stück Fremdheit, erwächst aus der geduldigen Bereitschaft des Modells und dem abtastenden, vorsichtig nachhaltenden Blick des Künstlers jene nicht wiederholbare, aus Raum und Zeit gelöste Situation des Kunstschaffens.

Esther Horns Skizzenbücher sind sorgsam geführte Dokumentationen dieser künstlerischen Lust des Ab- und Nachbildens, die wahrnimmt, auswählt und Gestalt werden lässt. Wie in einem getreuen Tagebuch, dessen Einträge die Summe und Bewertung des Erlebten festhält, reihen sich in der Brechung persönlichen Schauens subtile Beobachtungen des Alltäglichen aneinander: der strenge, fast hoheitsvolle Blick der Freundin, die Schamhaftigkeit des Getadelten, die Unbewusstheit der Schlafenden – Momentaufnahmen, die den Porträtierten in einer charakteristischen, für die Künstlerin unverwechselbaren Pose festhalten.

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Ein Personal an Freunden und Fremden hat sich in den Zeichenbüchern von Esther Horn im Laufe der Jahre zusammengefunden: Diese Figuren nunmehr aus der sicheren Zuflucht persönlichen Bewahrens in einen öffentlichen Raum zu entlassen, dabei die Intimität der kleinformatigen Porträtskizzen ins Monumentale zu steigern, sollte fast zwangsläufig eine Preisgabe des Privaten bedeuten. Esther Horn ist dieser Gefahr entgangen, indem sie den Figuren ihrer Skizzen den fremden Ort in einem langsamen Prozeß übereignet hat. Mit sicherem Gespür die Topographie des Raums erkundend, haben sie sich seiner bemächtigt, die Wände, Ecken und Nischen ausgelotet, um dann einen festen Platz gemäß oder entgegen den architektonischen Gegebenheiten einzunehmen.

Die Negation der Raumgrenzen und der Wechsel von Größenverhältnissen und Perspektiven verunsichert dabei den fremden Betrachter, der sich über einen veränderten Standort stets neue Gesichtspunkte der Gesamtkomposition erschließen kann, ohne das komplexe Zusammenspiel der Figuren letztlich zu ergründen. Seinen fragenden Augen verrätseln sie ihre Herkunft und Entstehung, die erahnt, aber nicht endgültig erschlossen werden können, indem sie - unbeeindruckt von der voyeuristischen Menge der Neugierigen - untereinander in eine geheime Zwiesprache treten.

Gilt der tadelnde Bpoint_of_view_2_0_0lick des dominierenden Frauenporträts vielleicht dem schuldbewussten Eckensteher, der an der äußersten Begrenzung der Wand schamhaft Zuflucht nimmt, um am nächsten – eingezogenen – Vorsprung mit neuem Selbstbewusstsein wieder hervorzutreten. Ziehen sich die Schlafende und die Verhüllte ganz bewusst in die stille, fast kontemplative Ruhe ihres Da-Seins zurück, um einen Kontrapunkt zu dem befreiend entäußerten, raumgreifenden Lebensgefühl der jungen Frau an der benachbarten Wand zu bilden. Ist der Affe, der gleichermaßen Karikatur wie Leidensbild einer dressierten Kreatur zu sein scheint, still abwartender Kommentator eines uns unbekannt bleibenden Geschehens zwischen den Figuren.

In Esther Horns Wandarbeiten stiften Blicke und Haltungen der Porträtierten einen raumkonstituierenden, subjektiv ausdeutbaren Gesamtzusammenhang, in dem sie – einer schützenden Aura des Unergründlichen gleich – ihre scheinbar preisgegebene Privatsphäre zurückgewinnen und die Geschichte ihres neuen Miteinanders beginnen können.