Ortrud Westheider

 
Esther Horn. Farbhäute und Raumhüllen, 2004

Zelt 6, 170 x 200 cm, Öl/N, 2000Häute zarter Blütenblätter greifen Raum. Zeltplanen wölben sich, geben aus dem Inneren einen Blick nach Außen frei. Dort sieht man eine Landschaft mit Zelten und Wohnmobilen. Der gerahmte Ausschnitt suggeriert, dass diese Szene die Hauptsache sei. Doch nach einer Weile erkennt man, dass das eigentliche Ereignis dieser Bilder nicht in einem beruhigten Blick auf ein Feriendomizil liegt. Der Blick kehrt ins Innere des Zeltes zurück, das nun als Körperhülle erfahren wird. Die provisorische Herberge, aus der man schaut, wird zum Sehorgan. Das Sehen ist das Haus, der Körper mit seinen Öffnungen. Esther Horn installiert ein Gegenbild zur Vorstellung eines externen Auges, dass das eigene Tun aus der Distanz anschaut. Sie macht mit ihrer Malerei das Vordringen von Körper und Auge in den Raum zum Thema.

Oberflächen

Diese Öffnung eines inneren Raumes entwickelte sich in ihrem Werk langsam aus der malerischen Aneignung von Oberflächen. Die architektonisch-kristallin gesetzten Flächen und Konturen in ihren Arbeiten der 1980er und frühen 1990er Jahre wich einer organischen Farb- und Linienführung. Das Studium eines Gesichtes oder einer Blume bot nun den Ausgangspunkt der Bildarchitektur. Doch eingefügt in die Architektur des Bildes beginnen die Oberflächen durchlässig zu werden, für etwas dahinter Liegendes. Die Malerei erscheint als Schleier. Die Farbe ist verführerisch, die Modulation berückend sanft. Der zeichnerisch geführte Pinsel säumt die Ränder präzise und weich zugleich. Farbhäute und Raumhüllen sind durchlässige Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

Räume

"Entscheidend dabei hilft mir die Durchtastung des Raumes. - Höhe, - Breite und Tiefe in die Fläche zu übertragen, so daß aus diesen drei Raumgegebenheiten sich die abstrakte Bildfläche des Raumes gestaltet, die mir Sicherheit gibt gegen die Unendlichkeit des Raumes" (Max Beckmann, Über meine Malerei, London 1938).

Zelt 4, 170 x 200 cm, Öl/N, 2000Max Beckmanns Plädoyer für die Integration von Abstraktion und Figuration ist heute aktueller denn je. Beckmann setzt seine Bilder dem Paradoxon der Malerei aus, Höhe, Breite und Tiefe in die Fläche des Bildes zu übertragen. Malerei wird zu einem Mittel, die Wirklichkeit zu bändigen und zu transzendieren: "Die Kraft der Seele ist es, die den Geist und die Sinne zu dauernder Turnübung zwingt um die Anschauung des Raumes zu erweitern."

Membran zwischen Außen und Innen Hüllen, aufbauschende Schleier und Faltenfall von Gewänder gehören zum Repertoire der Malerei seit römischer Zeit. Diese Stoffe sind von hohem malerischen Reiz und sorgen als zweite Haut der Menschen für Aufmerksamkeit. Seltener haben sie malerische Räume bestimmt, haben sie die Anschauung des Raumes erweitert. Eine Ausnahme bildet hier El Greco, der seine Bildräume aus Hüllen bildet. Wolkenschleier eröffnen ihm Raumblasen, in denen er den Schauplatz für simultane Erscheinungen ansiedelt.

Der Schleier verdeckt nicht, sondern gibt zu sehen, legt doppelte Räume an, verschleift Äußeres und Inneres. Franz Marc hat diese Modernität aufmerksam registriert und für seine Abstraktion rezipiert.

Im Werk von Esther Horn bringen lichtgetragene Flächen eine Membran zwischen Außen und Innen hervor. An die Stelle eines religiösen Erlebens ist eine sachliche, die Möglichkeiten der Kommunikation auslotende Transzendenz getreten. Raum wird Körper, wird Auge, um der Welt zu begegnen.