Josef Spiegel

 
Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Eröffnungsrede zu "Esther Horn. Malerei", Kunstverein Unna, 2003

Ein zeichnerisches Experiment von einem Konzeptkünstler in den sechziger Jahren - ich glaube, es war Wolf Vostell - bestand darin, ohne Spiegel, ohne fotografische Vorlage und ohne Zuhilfenahme der Erinnerung oder der Phantasie ein Porträt von sich selbst anzufertigen, ein Porträt also, das nur aus dem besteht, was die eigenen Augen sehen können. Das ist, wenn sie es einmal selbst versuchen, nicht viel: ein Stück der Nase, der Augenhöhlen, mit Anstrengung ein Stück der Oberlippe oder der Backe. Wir sehen unser Gesicht ohne Widerpart nur in kleinen Ausschnitten. Gleichermaßen metaphorisch und metaphysisch formuliert, legt dies - auch im übertragenen Sinn - beinahe den Schluß nahe, dass wir uns nicht erkennen können, weil wir uns selbst so nahe sind. Die Forderung nach einer Trennung von Subjekt und Objekt zählt ja bekanntlich zu einer der wesentlichen Voraussetzungen wissenschaftlich Erkenntnis.

Zelt 3, 170 x 200 cm, Öl/N, 2001Wie viel leichter erscheint da doch oberflächlich betrachtet das Wahrnehmen und damit die Erkenntnis der Außenwelt, unser Gegenüber also, zu dem wir stets - ob gewollt oder nicht gewollt - eine Distanz haben. Doch ist dem wirklich so? Die heute hier ausgestellten Arbeiten von Esther Horn liefern für mich die besten Hinweise dafür, dass dem nicht so ist, sondern vielmehr, vergleichbar dem zitierten Beispiel immer nur ein begrenztes Stück unseren Sinnen zugänglich ist.

Ich werde mich bei den folgenden Ausführungen insbesondere auf eine Werkguppe beschränken, um um einige grundlegenden Gedanken zu der Malerei von Esther Horn zu formulieren. Diese Werkgruppe besteht aus meist großformatigen Bildern. Profan würde ich sie als Campingplatzbilder titulieren, weil ihnen gemeinsam das Motiv bzw. das Sujet ist. Bereits bei der Beschreibung dessen, was ich auf den angesprochenen Bilder sehe, tue ich mich schwer. Ständig spielt mir mein Wissen um die Bilder und deren Enstehung einen Streich. Das mag gegen meine Beobachtungsgabe sprechen, möglicherweise - und ich tendiere eher zu dieser Ansicht - spricht das für die Qualität der Bilder. Das klingt paradox und widersinnig, aber ich versuche das zu erläutern.

Maximal die Hälfte des Bildes, oft eher ein Drittel oder ein Viertel, ist von einer aussschnittartigen Landschaft mit Grün von Bäumen, Rasen oder Sträuchern eingenommen. In dieser tauchen angedeutet, etwa als weiße oder blaue Farbflächen, Wohnwagen oder Zelte auf.

Zelt 1, 170 x 200 cm, Öl/N, 2000Die restliche Fläche auf der Leinwand - oft in einer Art Außenrahmung - erscheint als vergleichsweise einheitliche Farbfläche, die zum mittigen Ausschnitt hin häufig heller wird und als weiteres Charakteristikum zuweilen einen Komplementärkontrast bildet, also etwa rot zu gün. Ich weiss, dass die Künstlerin (etwa mit Vorzeichnungen) aus Zelten heraus gearbeitet hat sozusagen den Blich von innen nach außen gelenkt hat. Diesen Akt kann ich durch mein Wissen ein Stück nachvollziehen, gleichwohl das Innere, die Zeltbehausung, seltsam amorph bleibt. Wie beim Tunnelblick oder beim Blick durch ein Schlüsselloch gibt es keine fließenden Übergänge, wohl aber scharfe Abgrenzungen und Begrenzungen des Blicks, der selbst wiederum stets in Gefahr ist, einen voyoristischen Charakter anzunehmen. Die zweite Haut – das Zelt – schützt dabei.

Doch dieses Zelt, das ist das Eigenartige, ist eigentlich als solches nicht erkennbar, sondern erscheint nur als eine Farbfläche mit einer Lichtbewegung von dunkel nach hell zum Ausschnitt hin, und einem Farbauftrag, der die Pinselführung sichtbar macht und eine Bewegung evoziert. Wie durch ein Kraftfeld angezogen wird der Blick in das bildliche Zentrum gelenkt, das nicht identisch ist mit dem topografischen oder geometrischen Zentrum des Bildes. Zwischentöne erscheinen eher als Helligkeitsstufen, nicht als Widergabe der kompletten Farbskala. Indem das Zelt also nun als Umraum und Innenraum mit ins Bild genommen wird, entsteht der eigenartige Effekt, dass die Bilder anfangen, zwischen Abstraktion und Figuration zu changieren. Vieles ist erahnbar und doch so malerisch, dass Sehen und Wissen sich im oben beschriebenen Sinn vermischen.

Zelt 2, 170 x 200 cm, Öl/N, 2000Sollte ich die Malerei von Esther Horn in einem Satz grundlegend charakerisieren, so würde ich sagen, dass analytische und intuitive Sentenzen sich gelungen die Waage halten. Malerisch und gedanklich bewegen sie sich im Dazwischen. Dieses Dazwischen hat in der Malerei von Esther Horn viele Ebenen. So gibt es eine Nichtentscheidbarkeit von figurativen und abstrakten Elementen, ein Dazwischen von Innen und Außen, ein Dazwischen von der Künstlichkeit des Zeltes und der Landschaft als Teil der Natur. Letzlich auch ein Dazwischen von Beobachter und Beobachtetem. […]

Das alles hat mit Respekt vor den Dingen und deren Geheimnis zu tun. Wenn wir ehrlich sind, ist der Dumme doch derjenige der behauptet, alles zu wissen. Esther Horn hingegen wählt den intelligenten Weg, der eben auch die eigenen Fragen mitformuliert.

Faszinierend an diesen Arbeiten ist, dass Esther Horn schwierigen malerisch-formalen Fragestellungen nachgeht und Lösungen anbietet, ohne auf Inhaltlichkeit zu verzichten. Sie arbeitet dabei wie eine Feldforscherin, die im Selbstversuch Seherfahrungen überprüft und dabei ihre Fragen und Lösungsvorschläge sinnlich nachvollziehbar präsentiert. […]