DOUBLE  FEATURE

 

 

Ich wachte auf mit einer ungelösten, drückenden Schwere. Trockene Taubheit im Mund, als ob ich geschrieen, oder es versucht hätte.

 

Die Bilder standen mir vor Augen: Unterwegs war ich, allein am Meer entlang. Wieder aufs Land zurück, über sehr holprige Wege und auf dieses große Gehöft geraten, wo ich einen Schlafplatz suchte. Eine Art Gastronomiebauernhof, zu dem auch ein Campingplatz und ein paar Fremdenzimmer gehörten. Zwar zeigte mir jemand auf einem Grundrissplan, dass im rechten Trakt einige Zimmer leer stünden. Die Stimmung war allerdings so, dass ich zwar unter dem Schutz des Hauses stand, Zimmermäßig aber nichts zu erwarten hatte. Ich übernachtete im Auto auf dem Gelände und war froh über die Gesellschaft der Menschen. Ich konnte sie nicht direkt sehen, wusste aber, dass sie da waren.

 

Ich schaute mich um, mein Blick glitt müde an der blassen, pastellfarbenen Tapete ab, deren abstrakte Musterung davon ausgehen konnte, ungefähr jedem zweiten Mitteleuropäer nicht weiter aufzufallen. Die Bagger drangen in mein Bewusstsein, sie hatten mich geweckt, bevor ich es wusste. Noch ehe ich des ebenfalls scheußlich mustergefluteten, flauschigen Teppichbodens und der kleinen Kommode samt aufgebahrtem Fernsehers gegenüber gewahr wurde, spürte ich: in dem ausladenden Doppelbett war ich alleine.

Bei unserer nächtlichen Ankunft waren Bauarbeiten, überhaupt Zeichen eines betriebsam- lärmend- expandierenden Alltags kein Thema. Wir vertrauten dem lichtarmen, für uns romantischen Einklang mit der in Dunkelheit getauchten Umgebung des Motels. Baustellen hatten wir nicht gesehen.

 

Ich versuchte, das Getöse zu ignorieren, mich auf das Wiedereinschlafen zu konzentrieren. Taub fiel und fiel ich wieder durch Gedanken, Bilder, Zeit und saß ihm in seinem Büro gegenüber: Er trank Tee mit einer dunkelhaarigen Frau, die ich kannte. Ihr weißer Frotteebademantel unterstrich die ambivalente Stimmung familiärer Nähe und ihren Wunsch nach Anreiz und Erlebnis. Gefasst saß sie neben meinem Freund und beobachtete uns. Ich machte ihm leichte Vorhaltungen und hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich verärgert war. Ich akzeptierte ganz selbstverständlich ihre Anwesenheit, auch wenn ich damit nicht nicht einverstanden war und sie beileibe nicht mochte. Er brach immer wieder zu einigen Spaziergängen auf während unserer Zusammenkunft, traf sich mit Leuten.

 

Erneut auffahrend akzeptierte ich nun ich die Helligkeit im Raum, den Baulärm, die Uhrzeit, 10:27, wie mir der Radiowecker auf der Kommode zu meiner Seite zudem entgegenbrüllte, Alarmstatus.

Ein paar Minuten dachte ich über die zurückliegenden Ereignisse nach, fühlte mich derart schwermütig, dass ich Mühe hatte, zu realisieren, dass ich weder zu Hause, noch mit neuem Liebhaber war. Ein völlig unbekannter Mensch hatte mir seine Zeit des Aufwachens, seinen Lebensrhythmus verabreicht und ich konnte keinerlei Sinn für mich davon ableiten.

Womöglich handelte es sich bei dem letzten Menschen, ich meine, der das letzte Mal die Zeit einstellte, also womöglich war der Letzte ein heiterer Mensch.
Gezielt die 10:30 umschiffend, der eher der unhinterfragten Akzeptanz geplanter Ereignisse um die volle, halbe und Viertelstunde entsprach. Vielleicht war es jemand, der sich die halbstündlichen Nachrichten ersparen, also nicht als erstes anonyme Verkündungen beim Aufwachen und viel lieber Musik empfangen wollte, da liegen die Chancen nicht schlecht um kurz vor. Kurz vor etwas. Meine Lieblingszeit. Kurz vor ganz, kurz vor highnoon, kurz vor Vollzug.
Vielleicht war es auch das Zimmermädchen, die dem Dröhnen des Wecker entnervt ein Ende gesetzt und ihn gestellt hatte bei dem Versuch, diesem mechanischem Pseudokomplizen das Maul zu stopfen, diesem seelenlosen Messwart des eigenen Seins ohne Sinn und Verstand, und dann ganz zufällig auf 10:27. So, wie wenn man nicht voll tankt sondern nur für 10, 11 Euro und dann eben für 10 Euro 27, der kleine Raum des Zufalls, er fällt zwischen null und eins, blöde Mechanik. Klar, dass das nicht alles ist.

 

Etwas gehobenerer Stimmung, weil wieder in bester Gesellschaft deutbarer Möglichkeiten, sprang ich aus dem Bett und wandte ich mich dem zeitlosesten aller Ereignisse zu: Dem Leben. Als ob es gerade keins gewesen wäre.